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Seit 13 Jahren wird in Magdeburg mit sogenannten Stolpersteinen an das Schicksal früherer jüdischer Bewohner im Holocaust der Nationalsozialisten erinnert. In Stadtfeld sind inzwischen mehre Dutzend solcher Erinnerungsquader für jüdischer Mitbewohnern verlegt, die von Nazis umgebracht wurden. An bisher 32 Stellen wird auf den Gehwegen des Stadtteils an die Opfer des  Völkermords der Nationalsozialisten gedacht.

Familie Abraham und Helene Basch mit den Kindern Hertha, Margot, Herbert,
Arthur und Dina.
Familie Abraham und Helene Basch mit den Kindern Hertha, Margot, Herbert, Arthur und Dina.

Der Toreingang an der Maxim-Gorki-Straße mit der Aufschrift „Marienbad“ markiert die frühere Existenz der früheren gleichnamigen Heil- und Kuranstalt. Was an der Stelle erst vor einigen Jahren der Vergessenheit entrissen wurde, ist der Name und das grausame Schicksal des leitenden Arztes dieser Einrichtung, Dr. David Lippstädt.

Er war ab 1908 bis vor der Machtergreifung der Nazis ein angesehener jüdischer Mitbürger der Wilhelmstadt, dem früheren Stadtfeld. Dann setzte der tödliche Rassenwahn der Nazis ein. Dem Mediziner wurde 1938 zunächst die Approbation aberkannt, eine der rassistisch begründeten Maßnahmen der Nazi-Ideologen und ihrer Handlanger. 1942 deportierten sie ihn und seine  Schwester in das berüchtigte Konzentrationslager (KZ) Theresienstadt.

David Lippstädts Name und Schicksal ist auf der Messingplattes eines der Stolpersteine vor dem Haus Nummer 37 in der Maxim-Gorki-Straße eingraviert, ein zweiter trägt den Namen seiner Schwester Betty. Beide fanden den Tod in Theresienstadt.

Der in die Metallplatte eingravierte Text mit Namen, Lebens- und Todesdaten  soll Vorübergehende gedanklich ins Stolpern, zum Innehalten bringen. Erinnern an den nationalsozialistischen Völkermord an die europäischen Juden mit  sechs Millionen Opfern.

Unvorstellbare Verbrechen

Ein weiterer  Stolperstein von Stadtfeld befindet sich vor der Großen Diesdorfer Straße Nummer 21/22. Er misst, wie die am „Marienbad“ und alle anderen,  96 mal 96 Millimeter im Quadrat,trägt eine Messingtafel und ist bündig zehn Zentimeter tief ins Gehwegpflaster eingelassen. Hier, an dem  einstigen Standort seiner Praxis, wird an Dr. Moser erinnert. Nach Theresienstadt am 2. Dezember 1942 deportiert, wurde er dort ermordet.

Mit den Erinnerungs-Steinen wird auch an damals in Stadtfeld wohnende Juden und ihre Schicksale in den Todeslagern der Nazis gedacht – deportiert und umgebracht in Gaskammern oder durch unmenschliche Arbeitsbelastung, verbrannt, zu Tode gequält. Ganze Familien, Kinder, Greise, Kranke mussten sterben. Allein deshalb, weil sie Juden waren. Unvorstellbar, aber grauenhafte Tatsache in Nazi-Deutschland.

Vor der Annastraße 3 erinnert ein solcher Quader an Abraham Basch, vor der Gellertstraße 16 an Georg und Marg Brandus, vor der Goethestraße 40 an Klaus Zindel und Grete Spangenthal.

An bislang 32 Stellen im Stadtteil sind ein oder mehrere Erinnerungssteine zum Gedenken an jüdische Opfer des verbrecherischen Naziregimes verlegt worden.

„Die bislang letzten“, so Superintendentin in Rente Waltraut Zachhuber, Vorsitzende des Fördervereins „Neue Synagoge“, wurden im Dezember 2019 im Gehweg vor dem Haus Gerhart-Hauptmann-Straße 40 für Josef Kasel und vor der Großen Diesdorfer Straße 36 für das Ehepaar Prinz platziert.

Mit den Nazis kam die Verfolgung

Vor der Machtergreifung der Nazis hatte sich Magdeburg und auch im angesehenen Stadtteil Wilhelmstadt ein durchaus ausgeprägtes jüdisches Leben entwickelt. In der Dokumentation „Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt. Versuch einer Erinnerung“  wird die zahlenmäßige Entwicklung geschildert. 1806/07 lebte in der Stadt eine einzige jüdische Familie, vier Jahre später 288 Juden, 1859 rund 1.000, 1910 dann 1.843.

1925 erreichte die Zahl jüdischer Mitbürger 2.361 Personen. Überall gehörten sie dazu, waren Nachbarn, Schulkameraden, Ärzte, Krankenschwestern, Kollegen in Firmen, Fabriken und Geschäften oder betrieben solche. Anfang der 1930er Jahre waren mehr als 400 Läden und Gewerbebetriebe in jüdischen Besitz, 3200 jüdische Menschen lebten in Magdeburg, nicht wenige in der Wilhelmstadt. Die Familie Helene und Abraham Basch aus der Annastraße zum Beispiel war bekannt durch ihre Huthandlung „Herrenhüte”  im  Breiten Weg 159.  Nathan Aronsohn betrieb eine Pumpenfirma in der Großen Diesdorfer Straße 203.

Nach 1933 kam der Einschnitt. Auch in Magdeburg wurden jüdische Mitbürger erniedrigt, ausgegrenzt und verfolgt. Kinos, Theater und Bibliotheken blieben für sie verschlossen, die Kinder wurden aus den Schulen ausgesperrt. Familien mussten in sogenannte Judenhäuser ziehen.  Eines befand sich neben dem jüdischen Friedhof.

Wer nicht emigrieren konnte, wurde in Vernichtungslager verschleppt und umgebracht, so im Konzentrationslager Auschwitz, an dessen Befreiung vor 75 Jahren und an die Opfer der dortigen Todesmaschinerie im Januar dieses Jahres weltweit erinnert und gedacht wurde.

1946, nach der Befreiung durch die Alliierten, lebten in Magdeburg noch etwa 120 Personen jüdischer Herkunft. Nach bisherigem Forschungsstand wurden 1521 ermordet, darunter 287 Kinder.

Gedenkbuch zu den Steinen im Rathaus

Im Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums, steht geschrieben: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“: Diese Weisheit galt dem Kölner Künstler Gunther Demnig als Leitmotiv der von ihm 1995  initiierten bundesweiten Stolperstein-Aktion. Seit 2007 beteiligt sich die Stadt Magdeburg an dieser Aktion wider das Vergessen, bildete einen Arbeitskreis „Stolpersteine für Magdeburg“.

„Wir dürfen niemals vergessen, was in dieser Zeit Schreckliches geschah“, sagt Waltraud Zachhuber, deren Verein maßgeblich in die Stolperstein-Aktivitäten eingebunden ist.

Der erste Stein in der Elbestadt wurde damals am Rathaus verlegt. Er erinnert an  Herbert Goldschmidt, 1931 bis 1933 stellvertretender Oberbürgermeister, der 1943 im KZ Riga umgebracht  wurde.

„Bis heute sind in der Stadt 561 Steine durch den Arbeitskreis gemeinsam mit Angehörigen der Opfer sowie Spendern dieser Erinnerungsmale verlegt worden“, sagt Rathaus-Pressesprecher Michael Reif. Zu weiteren Stolpersteine  seien vorgesehen.  Begleitend gibt es ein Gedenkbuch mit Biografien der auf den Steinen vermerkten ermordeten Opfer des Nationalsozialismus. Es ist im Eike-von-Repgow-Saal des Rathauses ausgelegt.

Darin ist festgehalten, was über das Leben dieser Menschen bekannt ist.

Zusammenarbeit mit jungen Leuten

Waltraut Zachhuber arbeitet bei der Recherche eng mit Alfred Westphal, Ehrenstadtrat, zusammen. Für ganz besonders wertvoll hält sie das Zusammenwirken  mit jungen Leuten. Schüler der Berufsbildenden Schulen (BBS) Eike-von-Repgow  und des Geschwister-Scholl-Gymnasiums tragen Fakten  zu den Opfern und ihren Schicksale zusammen, die in das Buch Eingang finden.  Dazu gehörte die Recherche zu Dr. Lippstädt. Diese Zusammenarbeit mit den jungen Menschen helfe, das Anliegen in den nachwachsenden Generationen aufrecht zu erhalten.

Kontakte gebe es für die Stolpersteine mit Archiven und zu Angehörigen, die in ganz Europa, USA, in Israel und vielen anderen Ländern wohnen, sagt Waltraut Zachhuber.  Angestrebt wird, die Erinnerungsmale gemeinsam mit Angehörigen der Opfer zu verlegen, oft ist der Künstler Gunther Demnig dabei.

Die Stolpersteine werden in Deutschland und inzwischen über in 20 europäischen Ländern verlegt. Sie gelten zusammengenommen als größtes dezentrales Mahnmal der Welt, erinnern an den Holocaust als dem  schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, setzen ein Zeichen auch gegen den heutigen Antisemitismus.

Die bisherigen Stolpersteine von Stadtfeld

An sie wird in Stadtfeld mit Stolpersteinen gedacht: Emanuel Abolnik, Nathan Aronsohn, Abraham Basch, Bertha Behrens, Rosa Blumenberg, Georg und Marg Brandus, Benno Cohn, Familie Frank, Ernst Friedberg, Meinhold Grünbaum, Ehepaar Hannach, Ernst und Irena Heinemann, Ehepaar Herzberg, Gebrüder Heynemann, Josef Kasel, Ehepaar Landeck, David u. Betty Lippstädt, Ehepaar Moser, Ehepaar Pels, Ehepaar Prinz, Rosa Renke, Ehepaar Riese, Ehepaar Rothschild, Johannes (Hans)Schellheimer, Wally Sieburth, Familie Singer, Grete Spangenthal, Familie Steinhardt, Adelheid Zadek, Marianne Zentawer, Klaus Zindel.

 

Von Karl-Heinz Kaiser

 

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