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Ungefähr eineinhalb bis zwei Quadratmeter groß ist die Fläche, die unseren Körper von unserer Außenwelt abgrenzt. Diese Hülle, unsere Haut genannt, ist mit seiner Fähigkeit für taktile Wahrnehmung das größte Sinnesorgan eines Menschen. Berührungen sind überlebenswichtig, sind Nahrung für die Seele. Als Profi in Sachen Kuscheln bietet Kristin Zabel Umarmungen und liebevolle Berührungen als Dienstleistung für Menschen an und sprach über diese ungewöhnliche und für sie sehr beglückende Tätigkeit mit Steffi Pretz von „Mein Stadtfeld“.

Kristin Zabel - Foto: Steffi Pretz
Kristin Zabel - Foto: Steffi Pretz

Kristin, Du bist studierte Germanistin und zurzeit noch als Inhaberin des Shops für spirituelle Produkte im Avalon tätig. Das wird künftig jedoch nicht mehr im Fokus stehen. Gibt es schon Pläne für eine Neuorientierung? Bleibst Du Stadtfeld erhalten?

Zunächst einmal freue ich mich, dass das Avalon in gewisser Hinsicht bestehen bleibt. Zwar wird es ab spätestens Mai den Shop nicht mehr geben und auch der Name könnte sich ändern, jedoch wird die Räumlichkeit auch weiterhin ein Ort für Spiritualität, Behandlungen und Schönes sein. Zum Sommer hin werde ich mich dann in Elternzeit begeben und ganz viel Kuschelzeit mit meinem Baby verbringen. Wenn die Zeit reif ist, kann ich mir gut vorstellen, Stadtfeld mit der ein oder anderen spirituellen Veranstaltung zu bereichern und natürlich auch weiterhin mit der Kuscheltherapie.

 

Wo wir direkt beim Thema sind, Du bist professionelle Kuschlerin. So kann man es auf der Webseite der Kuschelkiste lesen. Wie bist Du dazu gekommen?

Ich wollte beruflich schon immer etwas tun, was anderen hilft, ein glücklicheres und gesünderes Leben zu führen. Deshalb habe ich bereits in jungen Jahren durch Praktika oder kleine Jobs in soziale Berufe hinein geschnuppert.Ich empfand es als sehr beglückend zu spüren, wie bereits kleine Handlungen der menschlichen Wärme und Fürsorge den Tag eines zu Pflegenden bereichern konnten. Gleichzeitig hielten mich jedoch der in diesem Tätigkeitsfeld herrschende Zeitdruck und Stress davon ab, dort beruflich Fuß zu fassen. Ich wollte mir unbedingt ausreichend Zeit für den Menschen nehmen können. Als ich dann vor etwa drei Jahren vom Beruf der professionellen Kuschlerin erfuhr, ließ mich der Gedanke nicht los, dass das vielleicht genau der Job für mich sein könnte. Zunächst einmal musste ich jedoch für mich persönlich herausfinden, ob ich wirklich dafür geeignet bin. Man sollte nicht nur über ein gewisses Talent für die Kunst des Berührens verfügen, sondern natürlich auch dazu in der Lage sein, jedem Menschen diese Berührungen zukommen lassen zu können. Also stellte ich mir die Frage: Kann ich prinzipiell mit jedem kuscheln? Dazu besuchte ich eine Kuschelparty. Als ich diese dann spät in der Nacht mit einem Glücksrausch verließ, hatte ich meine Antwort gefunden und ließ mich kurze Zeit später von Elisa in Leipzig, Gründerin der Kuschelkiste, zur professionellen Kuschlerin ausbilden.

 

Welchen  Stellenwert nehmen Kuscheln, Berührungen und Umarmungen für Dich persönlich ein?

In meinen persönlichen Beziehungen und besonders in der Partnerschaft sind Berührungen für mich ein ganz elementares Mittel der Kommunikation, des Kontakts und wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Miteinanders. Sie stärken das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Verbundenheit und der gegenseitigen Fürsorge.

Eine innige Umarmung ist der einfachste und schnellste Weg, meinem Gegenüber mitzuteilen, dass ich ihn gern hab und ihn annehme, so wie er ist. In emotional herausfordernden Momenten, bei Schmerzen oder Ängsten empfinde ich liebevolle Berührungen als wunderbar beruhigend, entspannend und lindernd. Letztens hatte ich an einem Abend ziemlich unangenehme Rückenschmerzen. Als mein sechsjähriger Sohn das mitbekam, kam er zu mir und streichelte mit seinen kleinen Händchen sanft über meinen Rücken; ein Akt der Fürsorge eines liebenden kleinen Menschen und deshalb ging es mir sogleich besser, denn ich fühlte mich gesehen und umsorgt. Es braucht gar nicht viel und schon kleine Berührungen im Alltag können sehr beglückend sein. In unserer verstandesorientierten Welt vergessen wir manchmal, dass wir auch Körperwesen sind. Wenn ich viel geistige Arbeit geleistet habe, empfinde ich das Kuscheln mit geliebten Menschen dann als eine wundervolle Möglichkeit, mich zu erden und wieder in den Körper zu kommen.

 

Sind Menschen, welche die Dienstleistung Kuscheln bei Ihnen in Anspruch nehmen, immer Menschen, die allein leben und die unterkuschelt sind? Oder gibt es auch Menschen, die sich zu Hause einfach falsch bekuschelt fühlen?

Da stellt sich für mich zunächst die Frage, ob es ein „falsches Bekuscheln“ überhaupt gibt. Ich denke, wenn das Kuscheln zu Hause aus liebevoller Fürsorge geschieht, spürt der Berührte das auch und empfindet daher ein Wohlgefühl. Und falls eine Berührung tatsächlich mal als unangenehm empfunden wird, kann man doch darüber reden und entsprechende Änderungen vornehmen. Ein „falsch Bekuschelter“ ist jedenfalls noch nie zu mir gekommen, wohl aber Menschen, die zu Hause keinerlei Berührungen erfahren und spüren, dass ihnen etwas Wesentliches in ihrem Leben fehlt. Denn genauso wie Schlafen, Essen, Trinken und Atmen ist für uns als Säugetiere die liebevolle körperliche Zuwendung ein Grundbedürfnis.

 

Wie gehen Sie damit um, wenn jemand mehr möchte als kuscheln. Wo hört Kuscheln für Sie auf und wo fängt Sexualität für Sie an? Bei einem Paar sind diese Grenzen fließend, beim professionellen Kuscheln muss es Grenzen geben.

Dann verweise ich auf andere Dienste. Solche Anfragen kommen allerdings ausgesprochen selten vor und resultieren aus einem falschen Verständnis der angebotenen Dienstleistung. In den vertraglichen Regeln, die zu Beginn der ersten Sitzung von beiden Seiten

unterzeichnet werden, ist vereinbart, wie wir in der Kuschelkiste das Kuscheln definieren. In der Kuscheltherapie wenden wir ausschließlich mütterliche und absichtslose Berührungen an, die auch bei einem Kind angemessen wären. Dadurch entsteht eine friedvolle und ruhige Atmosphäre der Geborgenheit und Vertrautheit. Auf hormoneller Ebene werden durch diese Art der Berührungen im Körper Serotonin und Oxytocin ausgeschüttet.

Das macht entspannt, zufrieden und glücklich und hat daher einen therapeutischen Effekt, den wir Kuschler mit unserer Arbeit anstreben. Im Gegensatz dazu sind bei sexuellem Kontakt und entsprechenden absichtsvollen Berührungen andere Hormone beteiligt, wie beispielsweise Dopamin, das uns in einen Zustand von Freude, Spannung und Erregung versetzt. Sexualität fängt für mich also dort an, wo Berührungen mit der Absicht eingesetzt werden, in diesen erregten Zustand zu gelangen. Das gilt es in der Kuscheltherapie eben zu vermeiden.

 

Wird Ihrer Meinung nach in den Familien und überhaupt in der Gesellschaft genug gekuschelt oder stehen zu viele Menschen unter Kuschel- und Berührungsentzug?

Das möchte ich nicht pauschalisieren. Es gibt sicherlich viele wunderbare Familien, in denen liebevolle Berührungen untereinander ausgetauscht werden. Und genauso gibt es sicher auch Familien, in denen Mütter oder Väter ihre Smartphones mehr berühren als einander oder ihre Kinder. Es ist allgemein zu beobachten, dass sich die Menschen besonders durch die voranschreitende Technisierung immer mehr voneinander isolieren, was zwangsweise auch zu Kuschel- und Berührungsentzug führt, mit entsprechenden negativen Folgen.

Das ist jedoch kein rein modernes Phänomen. In noch nicht allzu entfernter Vergangenheit wurde ein solcher Entzug auch systematisch eingesetzt. Zur Zeit des Naziregimes wurden Mütter dazu angehalten, ihre Kinder so wenig wie möglich zu berühren und auch andere Bedürfnisse zu ignorieren. Man wusste, dass Berührungsmangel die Persönlichkeitsentwicklung und das Bindungsverhalten so weit schädigt, dass die Kinder zu emotionslosen und bindungsgestörten Erwachsenen heranwachsen, die dann ideale folgsame Soldaten und Mitläufer werden.

Wenn ich so durch die Straßen gehe und die Menschen beobachte, kommt mir schon ab und zu mal der Gedanke: „Oh, da hat jemand aber mal wirklich eine Umarmung nötig.“

 

Kann Kuscheln Krankheiten heilen? Wäre die Welt aus Ihrer Sicht aggressionsärmer, wenn die Menschen mehr kuscheln und sich umarmen würden? (Vielleicht sollten bestimmte Politiker zwangsbekuschelt werden 😉

Zwangsbekuschelung wäre laut Vertrag der Kuschelkiste ein Regelverstoß. Tatsächlich ist die Einvernehmlichkeit und das Vertrauen zum Berühren eine ganz wichtige Grundvorraussetzung, ohne die das Kuscheln seine positive Wirkung gar nicht entfalten könnte. Ich denke durchaus, dass wir weniger aggressionsgeladene Konflikte in der Welt sehen würden, wenn die Menschen untereinander mehr authentische, liebevolle Berührungen austauschen und allgemein mehr Handlungen aus Liebe vollziehen würden.

Ob Kuscheln Krankheiten heilt? Grundsätzlich ist es immer der Körper des Menschen selbst, der sich heilt. Kein Arzt, kein Heiler, kein Kuschler kann mich heilen, nur mein Körper kann sich selbst heilen. Wohl aber können wir den Körper bei seiner Selbstheilung unterstützen und durch Kuscheln heilsame Impulse setzen. Dr. Martin Grunwald, ein Haptikerforscher aus Leipzig, der intensiv an dem Tastsinnessystem forscht, hat das mal mit einer schönen Formulierung ausgedrückt: Durch zärtliche Berührungen öffnet sich die körpereigene Apotheke voller Medikamente ohne Nebenwirkungen.

 

Wie wird dieses Angebot angenommen und von welchen Menschen?

Das Angebot wird für mein Empfinden gut angenommen und ich kann Termine in einem Ausmaß vergeben, mit dem ich mich wohlfühle. Denn so sehr ich meinen Beruf auch liebe – ich könnte nicht jeden Tag den ganzen Tag kuscheln. Ich habe den Anspruch an mich selbst, mich auf den Mensch als Persönlichkeit und Seele wirklich einzulassen, seine individuellen Bedürfnisse zu sehen und adäquat darauf einzugehen. Das ist eine intensive Arbeit und entsprechend lange Pausen sind für mich notwendig.  Zu mir kommen unterschiedlichste Menschen allen Alters und aus sämtlichen Bereichen. Da kann und möchte ich keine verallgemeinernden Aussagen treffen. Ich finde es allerdings schade, dass jene Menschen, die ebenfalls sehr von den Berührungen profitieren würden, den Weg zu mir nicht auf sich nehmen können, nämlich sehr arme, pflegebedürftige oder sehr kranke Menschen. Vielleicht finde ich zukünftig noch einen Weg, um auch diese Menschen in den Genuss heilsamer Berührungen zu bringen. An der Fassade meines Ladens hängt ein Schild, auf dem der „Kuschelservice“ auch vermerkt ist. Manchmal höre ich amüsierte Kommentare von vorbeilaufenden Passanten, teilweise könnte man sie auch als abfällig verstehen. Das zeigt, dass einige durchaus Vorurteile haben, weil sie sich noch nicht ausreichend mit der Thematik beschäftigt haben oder sie vielleicht sogar einen eigenen vorhandenen Berührungsmangel zu maskieren versuchen. Das geht dann nicht ganz spurlos an mir vorbei. Wenn mich jedoch ein Klient nach der Kuschelstunde glücklich und freudestrahlend verlässt, weiß ich am Ende des Tages mit tiefer Gewissheit, dass meine Arbeit einen großen Wert hat und ich das Richtige tue.

 

Foto und Text: Steffi Pretz

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